Sinn und Unsinn von Wörtervernichtungen

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Gedächtnis löschen
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Böse Wörter überall – so kommt es einen zur Zeit wieder vor. Deshalb müssen sie aus dem Sprachgebrauch gelöscht werden – meinen viele, die die Welt tatsächlich verbessern wollen.

Im Moment ist das böse Wort „Rasse“ dran. Es soll möglichst aus allem gelöscht werden, wo es sich auf Menschen bezieht. Aus dem Grundgesetz der BRD soll es weg, wo das Ersetzen Sinn machen würde. Jetzt wurde es auch in diversen alten Texten (teils historischen) gefunden, so wie z.B. auch in Kirchenliedern und soll weg weg weg …..
Eine Welle bricht gerade über uns herein, wo alles entfernt werden soll, was irgendjemand irgendwie womöglich eventuell verletzen oder auch nur ein wenig irritieren könnte. Nun stehen wir nicht nur vor der Herausforderung unsere Sprache mit „Gendersternchen“ etcpp. zu vergewaltigen. Nein, jetzt muss auch noch Sprache verstümmelt und zensiert werden.

Macht das Sinn? Wird sich dadurch das eigentliche Übel, z.B. der Rassismus, beseitigen lassen?  Natürlich nicht! Der wird sich einfach neue Wörter suchen und diese missbrauchen. Indem man Wörter eliminiert, verhindert man das Denken dahinter nicht.
Also zu diesem Zweck taugen diese Bemühungen nicht.

Sprach- und Umgangsformen.
Es gibt verschiedene Sprachformen. Sprache, die aktuell von vielen so genutzt wird und sich praktisch täglich ändert. Wer sich die Mühe macht z.B. ein Lexikon der aktuellen Jugendsprache zu veröffentlichen, wird sein Werk schon bei der Veröffentlichung als veraltet vorfinden.
Es gibt auch einen wissenschaftlichen Sprachgebrauch, der sich auch durch Langlebigkeit auszeichnen muss. Es gibt traditionelle Sprache, Sprachnutzung, die nur in speziellen Gruppen – z.B. Jäger, Sport, etc. existiert.

Sprache unterliegt Änderungen – und zwar fortlaufend. Wenn man sich also mit sprachlichen Werken vergangener Zeit auseinandersetzt, muss man sich auch mit dem damals üblichen Sprachgebrauch auseinandersetzen. Jeder Versuch, solche sprachlichen Werke in den heutigen Sprachgebrauch zu transferieren, wird dem Werk selbst schaden. Denn Worte funktionieren nur in dem Zusammenhang, in dem sie standen, als sie benutzt worden. Hat eine Generation z.B. keinen Zugang mehr zu dem Zusammenhang, muss jede Umdeutung in die aktuelle Sprache enorme Hürden überwinden. Und morgen, spätestens Übermorgen müsste der Text schon wieder neu erfunden werden.
Wenn also z.B. angeblich „böse Wörter“ in alten Kinderbüchern, alte Kirchenliedern, etcpp. enthalten sind, ist der Hörer / Leser gefordert, sich mit dem Sprachgebrauch von damals auseinanderzusetzen, statt vehement nach Verboten zu schreien.

Dann wird Sprache durch Umgangsformen bestimmt. Wer sensibel auf sein Gegenüber reagiert, wird verletzende und beleidigende Wörter und Idiome meiden. Wer beleidigen und verletzen will, wird bewusst diese Wörter nutzen. Hier soll Sprache also einem erweiterten Zweck der Kommunikation dienen. Nicht nur reine Inhaltsübermittlung, sondern deutlich mehr.

Sprache beschreibt und Sprache erzeugt
Zunächst beschreibt Sprache und Sprachgebrauch lediglich den Inhalt des damit beschriebenen. Sprache informiert also.
Doch die Verwendung von Sprache löst beim Empfänger auch etwas aus. Was, das bestimmt die jeweilige Prägung des Empfängers. Denn etwa 60% des in einer Kommunikation verstandenen Inhalts ist nicht vom Sender gesendet, sondern vom Empfänger gedeutet worden. Nur wenn der Sender um die Prägung des Empfängers gut Bescheid weiß, liegt ein großer Teil der Verantwortung für das, was der jeweilige Sprachgebrauch auslöst, bei ihm. Ansonsten liegt die Majorität der Verantwortung im Umgang mit Sprache tatsächlich beim Empfänger.
Das bedeutet, dass derjenige, welcher Sprache als verletzend empfindet, zuerst gefragt ist, an seinem eigenen Sprachempfinden zu arbeiten. Einer gesamten Gesellschaft auferlegen zu wollen, diese müsse ihre gesamte Sprache ändern, damit dieses Individuum sich besser fühlt, scheitert bereits an den Bedürfnissen des nächsten Individuums.

Diese krampfhaften Bemühungen, durch das Entstellen von Sprache mehr Gerechtigkeit zu bewirken, bewirkt tatsächlich das genaue Gegenteil. Solche, die dieser Entstellung gerne folgen, waren auch vorher schon auf der Seite der Fordernden. Die anderen werden, so wie bei der Forderung schon selbst, in dem dies fordernde nur noch Spinner vor sich sehen, und solche noch einmal mehr ablehnen.
Eine Sensibilität auch in Sprache zu fördern ist immer gut und richtig. Doch solche Gewaltakte, wie sie zur Zeit mehr und mehr gefordert werden, sind lediglich Zeugnis einer beklagenswerten Dummheit.

Warum schreibe ich ganz oben dann, dass die Änderung des Wortes „Rasse“ im Grundgesetz Sinn ergibt?
Zunächst ist das Grundgesetz kein an sich klassisches Literaturstück, sondern lebende Rechtsgrundlage unseres Staates. Demzufolge muss das Grundgesetz in gewissen Abständen auch auf die sprachliche Stimmigkeit überprüft werden.
Wenn dann, wie in dem Fall des Wortes „Rasse“, die Wissenschaft belegt, dass es eben solche unter Menschen nicht gibt, sollte im Grundgesetz das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ ersetzt werden. Es gibt eben keine Rassenunterschiede auf genetischer Ebene, sondern nur ethnische Unterschiede unter den Menschen.
Eine Unterscheidung dort treffen zu wollen, wo es faktisch keinen gibt, macht eben keinen Sinn.

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