Diktatorische Tolleranz

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Toleranz
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(Bevor Jemand fragt: Nein, ich habe Tolleranz in der Überschrift nicht falsch geschrieben, weil …)
Die (westliche) Welt ist in Aufruhr. Diesmal nicht wegen Corona, sondern es geht um Rassismus in Amerika und um Ähnliches auch woanders. Ich brauche es eigentlich nicht ausführen, was geschehen ist. Das eigentlich Verwunderliche ist für mich, warum gerade jetzt der gewaltsame Tod des Afroamerikaner George Perry Floyd diese (West-)weltweiten Proteste ausgelöst haben. Er ist selbst in diesem Jahr 2020 nicht der erste Afroamerikaner, der in Amerika durch (weiße) Polizeigewalt getötet wurde. Aber das mag an anderer Stelle diskutiert werden. Mir geht es jetzt eher um die nun auftauchende „Scheintolleranzheiligkeit“, mit der wir konfrontiert werden. Eine Toleranz, die selbst diktatorisch auftritt und damit zur Tolleranz geworden ist. Ein schieres Tollhaus …

Es geht mir hier um das Beispiel von HBO und den Film: „Vom Winde verweht“. Der „letzte Tropfen“, der meinen Kommentar hier ausgelöst hat, ist ein Interview mit der in Berlin lebenden amerikanischen Philosophin Susan Neiman in der Rheinischen Post. (Hier klicken – leider hinter Bezahlschranke)

Eine Philosophin, die sich gegen freies Denken stellt, das ist doch mal was, oder?
Hier ihre Aussage, um die es geht:

RP: Können Sie verstehen, dass der Sender HBO „Vom Winde verweht” aus dem Programm genommen hat?

Neiman Hundertprozentig. Dieser Film ist giftig. In dem Film geht es nicht nur um die Verharmlosung der Sklaverei: Die Sklaven lieben ihre Herrscher und so weiter. Was wirklich gefährlich ist, ist die Darstellung der Zeit nach der Sklaverei, die Reconstruction heißt. Damals hat man angefangen, den Schwarzen Bürgerrechte zu geben, und versucht, den Ku-Klux-Klan zu verhindern. Das wird im Film alles umgedreht. Das ist so subtil gemacht, dass man es kaum merkt – weshalb der Film in Zukunft mit einer historischen Einleitung gezeigt wird. …

Sollte uns das nicht nachdenklich stimmen? Würden wir von einer Philosophin nicht erwarten, dass sie uns aufruft, eine qualifiziertere Meinung zu erarbeiten? Zu erkennen, wie ein struktureller Rassismus auch durch Romane und Filme vermittelt wird? Stattdessen begrüßt sie ein willkürliches Denkverbot und eine Meinungsdiktatur.

Also Charly, wie kommst du nur auf sowas?
Sehr einfach eigentlich. Ich hätte erwartet, dass eine Denkerin/ Philosophin uns auf diverse andere, teils sogar ältere, Romane hinweist, die über die Sklaverei in Amerika zu dieser Zeit ganz anders berichten. Kritisch, die Grausamkeiten nicht verschweigend. Angefangen mit z.B. „Onkel Toms Hütte“, „Roots“, „Menschenkind“, „Underground Railroad“ … Nicht zu verschweigen, wie viele Romane und Filme aus der Neuzeit sehr offen kritisch diese Vergangenheit der westlichen Welt aufzeigen und bearbeiten. Diese eben kritisch mit „Vom Winde verweht“ zu vergleichen und sich eine Meinung mit mehr Hintergrund zu bilden. Das tut sie aber nicht. Stattdessen begrüßt sie, wie so viele Meinungsmacher eben auch, diese üble Aktion von HBO. (hier klicken) Das, was HBO hier macht ähnelt dem, was amazon-Amerika auch schon tat – ein Bücher-/Filmverbot. Somit eine Denk- und Meinungsdiktatur ausübend. Solches kennt man eigentlich nur von Fanatikern, Faschisten und Diktaturen. In einer freiheitlichen Demokratie sollte ein solches Vorgehen eigentlich undenkbar sein und auf scharfe Kritik stoßen. Stattdessen kommt hier eine allgemeine Zustimmung. Das, meine lieben Leser, sollte uns nun wirklich ins Grübeln bringen!

Wenn wir es zulassen oder sogar begrüßen, dass bestimmte Meinungsmacher uns diktieren, was wir denken, sehen oder lesen dürfen, sind wir weit weg von echter Toleranz, weit weg von einer guten Aufarbeitung dieser Grausamkeiten und deren Spuren im Heute.
Wenn wir es zulassen, dass kaum Vergleichbares gleichgesetzt wird – wie z.B. der strukturelle Rassismus in Amerika, mit dem immer noch vorhandenen Rassismus in Europa, unterwerfen wir uns einer Denkdiktatur.

Ja, es ist vollkommen richtig, dass wir mit Rassismus und dessen Auftreten und Folgen konfrontiert werden. Doch dies muss in der Haltung der Aufklärung geschehen und nicht durch den fanatischen Aufschrei einer oberflächlichen Meinungsdiktatur. Denn dieser Aufschrei, seinen wir bitte ehrlich, wird Morgen, spätestens Übermorgen wieder vergessen sein. Eine gute Aufklärung hingegen wird seine Frucht bringen – auch Über-übermorgen noch.

Merken sie auf, lieber Leser: Sehr bald wird von unserer westlichen Erregungsgesellschaft eine „andere Sau durchs Dorf getrieben“ werden. Da werden wir kaum noch an diese Proteste denken. Dann werden wieder Afroamerikaner in Amerika durch (weiße) Polizeigewalt getötet werden. Und wir werden es, wie auch sonst, nur mit einem schwachen Aufmerken am Rande registrieren 🙁 Es sei denn, wir bemühen uns um eine qualifiziertere Meinungsbildung, auch wenn das mehr Mühe macht.

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