Digital diskriminiert

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alte Frau mit Smartphone
© Joseph Chan – public domain by unsplash.com

Laut der InitiativeDigital für alle“ hat eine repräsentative Studie ergeben, dass mehr als die Hälfte der Menschen über 65 Jahren in Deutschland kein Smartphone nutzen. Deren Reaktion – in ihren Augen wohl folgerichtig – ist, alte Menschen an Smartphone und Co zu gewöhnen. Der Gedanke kommt nicht, dass man von den Alten eventuell lernen könnte. Statt daran festzuhalten, dass alle Menschen auch weitgehend überall Zugang bekommen müssen, ohne digitale Technik zu benutzen, wird einer digitalen Ignoranz gefrönt. Die Diskriminierung aller „Nicht-Smartphone-Nutzer“ schreitet jedenfalls voran.

Anna-Lena Hosenfeld (28), Geschäftsführerin der Initiative „Digital für alle“ warnt: „Die Corona-Krise hat gezeigt, wie groß der Stellenwert von Smartphones in der Gesellschaft ist – ob für die Kontakt-Nachverfolgung oder für die Registrierung im Geschäft. Wer kein Smartphone nutzt, wird häufig davon ausgeschlossen. Gerade durch die Pandemie werden digitale Technologien in vielen Lebensbereichen zunehmend unverzichtbar. Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Teil der Bevölkerung den Anschluss an den technischen Fortschritt verliert. Deshalb wollen wir mit dem Digitaltag einen Beitrag leisten, um allen Menschen den selbstständigen und souveränen Umgang mit digitalen Technologien zu ermöglichen.“
Deswegen findet am 18. Juni 2021 diese bundesweite Aktion statt. Ironischerweise überwiegend online und eher weniger offline!
„Mit dem Ziel, digitale Teilhabe für alle zu fördern, haben sich 27 Organisationen in der Initiative »Digital für alle« zusammengeschlossen. Denn wir sind der Meinung: Nur gemeinsam können wir den digitalen Wandel gestalten. … Mit zahlreichen Aktionen wollen wir die unterschiedlichen Aspekte der Digitalisierung beleuchten und gemeinsam diskutieren: über Sorgen und Ängste, über Chancen und Herausforderungen. Gemeinsam wollen wir Einblicke geben, Digitalisierung erlebbar und damit verständlich machen.“
Man geht also, wie selbstverständlich davon aus, dass ältere Menschen z. B. Smartphones nicht nutzen, weil sie mit der Technik nicht klarkämen. Dass auch sie in der Lage seien, diese Technik zu nutzen, will man ihnen zeigen. Heftig einseitig gedacht, oder? Dass es umgekehrt sein könnte, der Gedanke kommt der Initiatoren nicht. Dass es gerade, weil man die Technik und seine Auswirkungen versteht, der eigentliche Grund ist, kein Smartphone zu benutzen, scheint undenkbar.

Die Diskriminierung aller „Nicht-Smartphone-Nutzer“ schreitet voran.
Nicht nur aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Menschen, die kein Smartphone haben oder eben aus gutem Grunde nicht haben wollen, mehr und mehr Zugänge verschlossen werden. Zu denen es auch keine Alternativen gibt. Seien es Stadtverwaltungen, die sich in Coronazeiten hinter verschlossenen Türen verbarrikadieren und verlangen für jeden Kontakt zunächst telefonisch oder besser noch online einen Termin zu machen. Oder z. B. die Krankenkasse DAK, die jede Menge Filialen geschlossen hat, ihren Onlinezugang in vielen wichtigen Bereichen aber von der Nutzung einer Smartphone-App abhängig macht. Freundeskreise, Gemeindegruppen, Interessengruppen, Schulklassen, die nur noch über „WhatsApp“ kommunizieren. Und und und …

In dem Wahn, alles müsse möglichst digitalisiert werden, werden ganze Gruppen der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Einbildung das wären alles sichere digitale Zugänge, verbreitet sich genauso epidemisch wie z. B. der Coronavirus. Dabei handelt es sich gerade beim Smartphone um die unsicherste Gerätegruppe, mit der man ins Netz gehen kann. Das hindert uns als Gesellschaft nicht daran, möglichst alles darauf zu packen. Neben Onlinebanking, E-Mail-Kommunikation, mittlerweile auch Ausweispapiere, wie der Personalausweis und nun auch Impfausweis, sowie die elektronischen Patientenakte, „digitale GesundheitsApps“, etcpp. Ein Freudenfest für jeden Hacker, sowie für Google, facebook und Co.

Deshalb wünschte ich mir Aktionen, die über die Gefahren der fortschreitenden Digitalisierung warnen, statt Aktionen, die versuchen auch noch dem letzten ein Smartphone unterzujubeln. Ich wünsche eine Aufklärung für die Menschen, die sich im digitalen Happywonderland verlaufen haben, statt für solche, die ihren Verstand noch benutzen.

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