Gottesdienstschock

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Worshipshow
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Letztes Wochenende war ich nach langen Jahren mal wieder in der Großstadt im Norden, wo ich dereinst 1980/81 in einer freikirchlichen Gemeinde meinen Zuvieldienst geleistet habe. Am Sonntag habe ich den Gottesdienst dort besucht, also zumindest das, was heute dort als Gottesdienst bezeichnet wird. Begleitet wurde ich von einem alten Freund, der selbst auch schon über 20 Jahre nicht mehr dort war.

Ich habe keinen Gottesdienst in der Art erwartet, wie wir ihn von früher her noch kannten. Da diese Gemeinde auch wöchentlich TV-Gottesdienste ausstrahlt, hatte ich eine Ahnung, was uns erwarten würde. Tatsächlich habe ich meine Erwartungen nicht sehr hoch angesetzt. Dass diese dennoch derart untertroffen wurden, war mir nicht klar.

Angesichts des Lightshow-Equipments, welches dort im Saal für den sonntäglichen TV-Steam vorhanden war, überlegten wir, ob hier als symbolischer I-Punkt nicht auch noch eine Discokugel an die Decke gehöre. Alles, der gesamte Gottesdienst wirkte lediglich wie eine durch und durch inszenierte Show. Auf Leinwänden wurden immer wieder QR-Codes für Livechatlinks und ähnliches geworfen. Wer also nur hier vor Ort und nicht auch gleichzeitig mittels Smartphone auch online war, erlebte nur die halbe Show.

Die Frau des Pastors betätigte sich als Showmaster und führte zunächst durch das Programm. Es war Erntedankfest. Einige wenige Christen, auch gut gecastet wie es schien, brachten mehr oder weniger gut passende Gaben auf die Bühne und gaben ein kurzes Statement zu Ehren Gottes ab. Im Vergleich, was damals oder auch heute noch in anderen Erntedankgottesdiensten dargebracht wurde, erschien dies alles aber eher traurig. Der Aspekt, dass die gesammelten Gaben nach dem Gottesdienst armen Menschen zugedacht werden sollte, fiel hier völlig raus. Das hier war offensichtlich nicht für karitative Zwecke gedacht.

Es gab auch sowas wie Lobpreis und Anbetung. Wie mein Freund meinte, muss man für diese Art wohl recht gut konditioniert sein. Denn das, was geboten wurde, hat mit all dem, was ich über Lobpreisleitung gelernt habe, eigentlich nichts zu tun. Weder gab es eine sinnvolle Entwicklungslinie vom Lobpreis zur Anbetung, noch gingen die Musiker auf die Gottesdienstteilnehmer ein. Das war eher nach dem Motto: „friss oder stirb“ – gib dich mit dem zufrieden, was dir geboten wird oder lass es sein. Eine Interaktion fand schlichtweg nicht statt. Kein Wunder, es ging ja auch um eine Show und beileibe nicht um einen echten Gottesdienst.

Es folgte eine Predigt des Jugendpastors über „Die Kultur der Dankbarkeit“. Die ging eigentlich noch. Ich habe von solchen Predigern schon weit schlimmeres Kauderwelsch gehört und Gehampel gesehen.
So weit, so gut. Dann folgte die nochmal genauso lange Nachpredigt von der Showmasterin. Ausgehend von Erntedank verfolgte sie den Gedanken, dass möglichst jeder aus der Gemeinde sich einbringen sollte. Der mentale Druck stieg von Satz zu Satz. Einer der beliebten Floskeln in diesem Zusammenhang kam dann auch: Es sei bekannt, dass 90% der Gemeindearbeit in den Gemeinden von lediglich 10% der Mitglieder getan würden. Meine Standardantwort auf diese Floskel ist: „Dann ist offensichtlich, dass diese 10% viel zu viel tun. Diese sollten unbedingt überprüfen, ob ihr Handeln gesund ist. Statt die restlichen 90% unter Druck zu setzen, sollte die Gemeinde ihr Programm auf Sinnhaftigkeit prüfen.“
Ich ahnte aber, worauf das Ganze hinauslaufen würde.

Diese Gemeinde hat im Moment ein Mega-Bauprojekt. Schon einmal, vor vielen Jahren, drohte diese Gemeinde durch ein deutlich kleineres Bauprojekt zu zerbrechen. Viele haben damals die Gemeinde verlassen – so wurde mir berichtet.
Jetzt nahm das Merchandising für den neuen Bau erst richtig Fahrt auf. Es ging ganz offen nur noch um das Geld der Gottesdienstbesucher – egal ob on- oder offline. Als Krönung erschien nun auch der Kassierer der Gemeinde auf der Bühne, um dem Publikum Schritt für Schritt das Online-Spendenportal zu erläutern. Anlass war die weitere Finanzierung des Neubaus. Das Opfersammeln vor Ort fehlte dann natürlich nicht.  Unter dem Vorwand, man würde mit seiner Spende Gott dienen, wurde der fromme Druck weit getrieben.
Anlass für uns, diesen „Gottesdienst“ dann auch zu verlassen.

Eine völlige Perversion des Erntedanksfestes fand hier statt. Weder wurde Gott Dank für die diesjährige Ernte und Versorgung dargebracht, noch wurde an all die Menschen gedacht, die unter Hunger und anderen Mangel leiden. Obwohl die ganze Zeit auch von Gemeinsamkeit geredet wurde, ging es ausdrücklich nur darum, die Kasse der Gemeinde zu füllen. Welcher Gott wurde hier nun angebetet? Der Gott der Bibel oder doch nur Mammon?

Schade. Vor 40 Jahren erlebte ich an diesem Ort prägende Zeiten für mein Leben mit Gott. Ich erlebte Gemeinschaft, die auch heute noch trägt – wie ich es auf einem Ehemaligentreffen am Tag zuvor erfahren konnte. Ich erfuhr eine starke Nähe Gottes in dieser Zivildienstzeit. Wie sehr wünschte ich mir, dass in diesen Räumen und dieser Gemeinde wieder echte Gemeinde gelebt würde. Eine Show ist nun mal kein Gottesdienst. Von Gemeinschaft zu reden ersetzt echte Gemeinschaft nicht.

Man könnte meinen, Gottes Sendschreiben aus der Offenbarung hätte auch an diese Gemeinde gehen können:
Off 3:14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Dies sagt der « Amen », der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch heiß bist. Ach, daß du kalt oder heiß wärest! 16 Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und brauche nichts, und nicht weißt, daß du der Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß bist, 18 rate ich dir, von mir im Feuer geläutertes Gold zu kaufen, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du siehst. 19 Ich überführe und züchtige alle, die ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße! 20 Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir.  21 Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. 22 Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (RevElb.)

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