Geistlicher Missbrauch

Lesezeit: 7 Minuten
einsamer Mann mit Bibel in der Kirche
© Public Domain by Pixabay.com

Vor wenigen Tagen habe ich im Deutschlandfunk eine kurze Reportage über das Thema „Geistlicher Missbrauch“ gehört. Ein Thema, welches mich schon seit vielen Jahren begleitet. Ich kenne aus eigenem Erleben drei Seiten davon: Zum Einen als selbst Betroffener, weiter als beobachtendes Gemeindemitglied und zuletzt als Begleitender von Betroffenen als chr. Lebensberater. Kein Wunder also, dass ich auf diese Reportage neugierig war.

Ich möchte mich hier zum Thema „geistlicher Missbrauch“ äußern und erste Tipps zur weitergehenden Beschäftigung mit dem Thema geben. Zudem werde ich mich auch zu dieser Radioreportage äußern.

Geistlicher oder religiöser Missbrauch – was ist das?
Der Begriff „geistlicher Missbrauch“ ist eine Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch. Im Original ist der Begriff weiter gefächert, als er es im Deutschen ist. Er beschreibt spezielle Formen des Machtmissbrauchs durch Leiter oder Gruppen in religiösem Umfeld. Je nach dem, wie das religiöse Umfeld konkret aussieht, tritt er in teils unterschiedlichen, angepassten Formen auf.

Geistlicher Missbrauch ist ein Machtmissbrauch auf ideologischen Hintergrund und kann deshalb sehr tief gehende Manipulationen bewirken und daher entsprechende psychische und physische Folgen bei den Opfern hinterlassen. Welche Folgen das Mobbing in Arbeitsstätten, Schulen und dem Internet hinterlassen kann, ist mittlerweile recht bekannt. Aufgrund der ideologischen / religiösen Hintergründe ist der Ausstieg aus dem Missbraucheserfahren hier oft schwieriger.

Für eine Definition des Begriffs möchte ich Inge Tempelmann zu Wort kommen lassen: in ihrem Buch „Geistlicher Missbrauch“ bringt sie folgende Definition:

„Von religiösem (geistlichem) Missbrauch spreche ich dann, wenn Grenzen, die Gott selbst jedem Menschen zugedacht hat, aus religiösen Gründen überschritten werden und/ oder wenn der Lebensraum, der einer Person von Gott geschenkt ist, wiederum aus religiösen Gründen eingeengt wird. Dies geschieht entweder ohne das Einverständnis der Betroffenen (man stülpt es ihnen über und kontrolliert sie), oder die Grenzverletzung wird aufgrund von geistlich getarnter Manipulation und gedanklicher Beeinflussung bereitwillig zugelassen. In beiden Fällen werden persönliche Grenzen unrechtmäßig überschritten, und zwar von Menschen, die Macht im Leben des Einzelnen haben und denen es letztlich um die Befriedigung eigener (möglicherweise unbewusster) Bedürfnisse geht. Ausgenutzt werden in diesem Zusammenhang die Hilfsbedürftigkeit und Hingabebereitschaft der Betroffenen.
Zur Begrifflichkeit des Missbrauchs gehört ferner der Aspekt der Vernachlässigung der Fürsorgepflicht. Dies geschieht, wenn Autoritätspersonen (Eltern, geistliche Leiter, Seelsorger oder andere Menschen, die eine Aufgabe der Fürsorge übernommen haben) kein positives Modell gesunder Spiritualität vorleben und wenn sie ihr Gegenüber nicht lehren, dem eigenen Herzen und der persönlichen Wahrnehmung Vertrauen zu schenken. Geistliche und emotionale Verwundungen und Verunsicherungen sind die Folge.“ (Tempelmann, 2007, S. 22f).

Buch geistlicher Missbrauch von Inge Tempelmann
© Verlag R.Brockhaus Wuppertal 2007

Ich kann in diesem Beitrag unmöglich das Thema umfassend betrachten. Daher empfehle ich dieses Buch von Inge Tempelmann sehr zur Vertiefung. Am Ende des Artikel setze ich noch ein Video mit einem Interview mit ihr ein.

Erwähnen möchte ich noch, dass ein solcher Machtmissbrauch nicht nur Top-Down – also von Leitern zu Mitgliedern geschehen kann, sondern auch umgekehrt. So können auch Leiter von Gemeinden Opfer eines religiösen Missbrauchs durch manipulative Mitglieder der Gemeinde werden.

Ich habe beobachtet, dass eher selten ein solcher Missbrauch bewusst durchgeführt wird. Zu oft habe ich hinter dem Geschehen einfach nur eine eklatante Unreife für Führungsaufgaben bei Leitern in Gemeinden beobachtet. Ebenso ist die psychische Dynamik innerhalb der Gemeinden im starken Maße mit ausschlaggebend. Einen kleinen Teil davon habe ich hier in meinem Artikel: Betatiere in der Gemeinde betrachtet.

Opfer geistlichen Missbrauchs kann eigentlich so gut wie Jeder werden, wenn er in den Strudel dieser Dynamik gerät.  Obwohl ich mich schon früh mit diesem Thema vertraut gemacht und immer meine individuelle Freiheit bewahrt habe, musste ich auch erleben, wie man dort hinein gerät. Ich habe den Ausstieg zwar immer geschafft, trug aber auch meine Wunden davon.

Wenn einer meiner Leser sich als Opfer des geistlichen Missbrauchs empfindet, empfehle ich kompetente Hilfe außerhalb des eigenen Gemeindekontext zu suchen. Damit meine ich speziell geschulte Lebensberater und Seelsorger. Vermeiden sie Hilfsangebote von diversen Laien, die diese im Internet reichlich anbieten. Ratgeber, die selbst zu nahe zum missbrauchenden System stehen, werden nicht helfen können.
Auch ich kann vereinzelt Hilfe anbieten.

Die Radioreportage vom Deutschlandfunk
Die Reportage kann hier bis zum 28.12.2018 nachgehört werden (12 Min.):

In gerade mal 12 Minuten kann natürlich kein großer Tiefgang in dem Thema angeboten werden. Ich finde es aber interessant, dass der Deutschlandfunk sich anscheinend mehr und mehr mit Freikirchen befasst. (Siehe mein Artikel zu einer Reportage über Lobpreismusik.)

Zu bemängeln habe ich an der Reportage folgendes:
Es wurde zu viel Raum für das Beispiel des betroffenen Ehepaars eingeräumt (gleich mehr dazu) und viel zu wenig Raum für die Expertin Inge Tempelmann. Dadurch ist zwar die Reportage lebendiger gestaltet, aber auch extrem einseitig geworden. Auch wenn direkt in der Einleitung gesagt wurde, dass das Beisiel des Ehepaares nicht repräsentativ für alle Freikirchen gewertet werden darf. Durch die zu starke Präsentation dieses Beispiels entsteht ein verzerrtes Bild. Ebenfalls wird deutlich, dass die Reporter sich nicht genug in das Thema eingearbeitet haben. Ansonsten hätte ihnen deutlich werden müssen, welche Schwächen gerade dieses Beispiel hat. So wurde, trotz Bemühen der Reporter, ein schiefes Bild gemalt. Insbesondere von der Rolle und den Möglichkeiten der Clearingstelle der Evang. Allianz.

Die Beispielgeschichte des Paares in der Reportage wirft manche Fragen auf. Insbesondere, wenn man sich, so wie ich, mit diesem Thema aus verschiedenen Gesichtspunkten recht gut auskennt. Mir scheint, dass dieses Paar an der Eskalation ihrer Geschichte weit mehr Anteil hat, als sie es sich und anderen eingestehen wollen. Auch ihre Vorwürfe der Clearingstelle der Evang. Allianz gegenüber sind, so weit wie ich es aus der Reportage beurteilen vermag, nicht zu halten. Dazu gleich mehr.
Das sie einen so starken Abbruch ihrer sozialen Kontakte erleben mussten, bringt mich auch ins Fragen. Natürlich kenne ich diese üble Folge bei einem Ausstieg aus geistlichen Missbrauch. Doch kenne ich die Freikirchen gut genug, um gut zu wissen, dass diese in diesem Punkt so garnicht mit den Zeugen Jehovas zu vergleichen sind. Normalerweise finden Opfer geistlichen Missbrauchs relativ leicht, so sie es denn können und wollen, neuen Anschluss in anderen Gemeinden in ihrem Umfeld. So kann zwar ein drastischer Abriss sozialer Kontakte geschehen. Dieser kann, je nach Verfassung der Betroffenen, aber auch wieder relativ leicht durch neue soziale Kontakte aufgefangen werden.
Ich gehe auch davon aus, dass dem Paar von verschiedenen Seiten geraten wurde, nach dem Gemeindeaustritt zur Gemeinde auf Distanz zu gehen und den Streit nicht weiter zu vertiefen – was sie offensichtlich bis zur Aufnahme der Reportage nicht geschafft haben. Gerade diese Distanz zu schaffen ist ein wichtiger Aspekt in der Befreiung und Aufarbeitung der Missbrauchserfahrung.
So wirkte dieses Paar für mich gefangen in der, zum Teil selbst geschaffenen, Bitterkeit und der beständigen Anklage. Das genaue Betrachten dessen, was mit einem geschehen ist, ist ein wichtiger Punkt in der Aufarbeitung von Missbrauchserfahrungen. Letztlich muss diese doch dorthin führen, die Bitterkeit loszulassen und mit Gott in den Prozess der Vergebung und inneren Versöhnung einzusteigen. Ergo steht das genaue Betrachten am Anfang der Aufarbeitungsarbeit. Sie ist aber letztlich nicht der Kern und das Ziel der Aufarbeitung. Solche Erfahrungen loszulassen ist nicht einfach. Das kann dauern, manchmal auch viele Monate und Jahre. Aber wie gesagt. Da das Paar in ihrer Aufarbeitung anscheinend nicht weiter ist und sogar noch Andere, von denen es sich weitergehende Hilfe erhofft haben mag, auch noch anklagen, sind sie kein gelungenes Beispiel für eine solche Reportage. Doch wer weiß? Eventuell wurden sie ja gerade deshalb von der Redaktion ausgewählt, weil es der Reportage viel mehr emotionale Power gegeben hat?

Kurz noch zu den Möglichkeiten der Clearingstelle der Evang. Allianz.
Wie Michael Diener es in der Reportage bereist feststellte:

„Diese Clearingstelle ist ein Hilfsangebot, das jetzt nicht unbedingt mit vielen Machtfaktoren ausgestattet ist. Wenn Einvernehmen besteht in der Beurteilung eines Falles, dann ist es notwendig, dass die Gegenseite zu Wort kommt. Und im Falle eines Scheiterns dieses Gesprächs besteht auch noch sicherlich die Möglichkeit, sich in den Hierarchieebenen nochmal an weitere Personen zu wenden. Wenn an der Stelle letztlich kein Einvernehmen erzielt werden kann, dann sind unsere Möglichkeiten auch wirklich begrenzt.“

In einer Reaktion in der Zeitschrift Pro verteidigt die Evang. Allianz die Arbeit der Clearingstelle:

„Martina Kessler, Clearingbeauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz, versicherte gegenüber pro, dass es das Ziel ihrer Arbeit sei, Konflikte beizulegen. Allerdings seien der Stelle gegen geistlichem Missbrauch dann die Hände gebunden, wenn eine Partei der Beteiligten nicht mitarbeiten wolle. Jegliche Zusammenarbeit sei freiwillig. …
Die Clearingstelle sei auf die Mitarbeit aller Parteien angewiesen. Probematisch sei dabei, dass viele Gemeinden und Verbände sich mit einer externen Beratung schwer täten. Andererseits erlebe sie häufig, dass Menschen, die sich an sie wendeten, aus einer Opferhaltung heraus ihren Willen durchsetzen wollten. Im Falle des Paares aus Bayern ist sie sich sicher: „Die in dem Beitrag vom Deutschlandfunk beschriebene Situation ist auf jeden Fall in ihrer Darstellung einseitig.“ Kessler ist psychologischen Beraterin, Theologin und Autorin.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob das Konzept der Clearingstelle ausreichend genug ist. Doch aufgrund der unabhängigen Strukturen der Freikirchen kann weder diese Clearingstelle, noch andere Vermittler mehr erreichen. Gerade dort, wo der geistliche Missbrauch die Strukturen einer Gemeinde schon stark durchtränkt hat, wird eine solche Hilfe von Außen abgelehnt werden.
Hilfe wird vor allem den nach Hilfe fragenden Beteiligten angeboten werden müssen. Auch wenn eine Vermittlung zwischen Opfer und Gemeinde gelingen mag, sollte man der Frage nachgehen, wie es soweit kommen konnte. Ist eine Vermittlung nicht möglich, sollte eine Empfehlung zu einer guten individuellen Beratung erfolgen.

Hier noch das versprochene Interview mit Inge Tempelmann:

(Erst wenn sie das Video anklicken, wird es von youtube geladen und Daten werden gesendet. Mit dem anklicken des Videos, stimmen sie dem zu. Dazu die Datenschutzerklärung von Google)
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