Theodizee-Frage? Eigentlich nicht so schwer zu beantworten

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Krise vs Glaube
© Charly Lücker

Immer wieder begegnet einem die berühmte Theodizee-Frage: die Frage, wie ein Gott oder Christus das Leiden unter der Voraussetzung zulassen kann, dass Er doch die Allmacht und den Willen besitze, das Leiden zu verhindern.
Daran kommt man als Christ kaum vorbei. Und so mancher vermutet darin die eine Frage, die in sich die Kraft besäße den Glauben an den Gott der Bibel zu zerstören. Doch weit gefehlt! Die Frage ist nicht das Problem, sondern die Unfähigkeit so vieler, diese zu beantworten. Dabei ist das nun wirklich nicht so schwer.

Erstes Problem: Die Frage ist schon falsch gestellt.
Die Frage basiert auf einem fundamentalen Irrtum: Dass das Böse von Gott geschaffen und dass das Leid unbedingt zu vermeiden sei.
Ich halte es nicht für richtig anzunehmen, dass Gott das Böse zu bestimmten Zwecken initial zulässt. Denn das würde auch im Umkehrschluss aussagen, dass Gott das Böse geschaffen hat – was nach biblischer Analyse schlicht nicht möglich ist.
Grundlegend muss also darüber nachgedacht werden, was eigentlich das Böse ist. Das Böse ist nichts, was Gott geschaffen hat oder hätte schaffen müssen. Da Gott selbst „das Gute“ ist, definiert sich daraus schon, was demzufolge das Böse sein muss – eben nicht das, was Gott ausmacht. Damit definiert sich das Böse allein schon aus dem Sein Gottes.

Warum lässt Gott überhaupt das Böse in unserem Leben zu? Nein, nicht weil er meint, wir bräuchten ein Trainings- und Läuterungsfeld. ER lässt es zu, weil Er uns die Fähigkeit gegeben hat, uns auch gegen Ihn zu entscheiden. Eine solche Fähigkeit jedoch, die nicht auch eine Möglichkeit zur Ausübung hat, wäre nicht nur „nicht so gut“, sarkastisch oder gemein, es wäre zum einen Folter und vor allem hochgradige Heuchelei, welche Gott nun vollkommen fremd ist. Ergo muss es das Böse um unseres Willen geben – zumindest in dieser Zeit und dieser Welt. Das es einmal ganz anders sein wird, berichten uns ja die Propheten.
Dass nun Gott erfüllt, was Paulus uns in Röm 8:28 zusagt, ist wiederum Seiner Liebe zu uns zuzuschreiben.
Rö 8:28 Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind. (Rev.Elb.)
Gott lässt also das Böse nicht zu den Zwecken zu, die sich manche ausdenken, sondern Er nutzt das Vorhandensein des Bösen – das ja aus anderen Gründen da sein muss – um daraus Gutes für uns zu bewirken.

Zweites Problem:
Das Böse und das Leiden ist kein Synonym. Viel mehr kommt das Leiden aus dem Bösen. In dem Sinne, dass, wer sich vom Bösen leiten lässt, Leiden verursacht, als auch, dass durch das Böse auch das Leid in unsere Welt gekommen ist.
Deshalb kann man das auch in Bezug auf Gott nicht gleichsetzen. Wie ich schrieb, das Böse definiert sich von selbst aus dem Sein Gottes. Da lässt Gott nichts zu oder hat es gar erschaffen.
Beim Leid sieht es wieder anders aus. Hier gibt es keine schwarz/weiß-Haltung Gottes dazu, wie wir sie oftmals phantasieren. Tatsächlich würden wir als Menschen mit einer schwarz/weiß-Vorgabe in unserem Leben auch nicht glücklich werden.
Es gibt auch nicht nur die eine Form des Leidens. Es gibt das negative, aber auch das positive Leiden, wie zB Sehnsucht, etc. Und dazwischen gibt es mannigfaltige Schattierungen des Leidens. Sprich: es gibt nicht DIE Antwort auf Leiden.

Doch Leiden und Leiden ist oft nicht mal vergleichbar. So ist seelisches / psychisches Leiden für Menschen oft schwerer zu ertragen als körperliches Leid. Dann wiederum physisches Leid wie Hunger, Obdachlosigkeit, etc. ist wieder völlig anders. In unserer Zeit ist es geradezu eine moderne Seuche, dies alles gleichzustellen. Dabei kann man sogar bei starken körperlichen Leid ein glückliches Leben führen. Und Menschen im physischen Leid finden oftmals mehr Sinn in ihrem Leben als Menschen, denen es diesbezüglich sehr gut ergeht. (Tatsächlich tendieren wir Menschen dazu, uns selbst als leidend zu empfinden, wenn es uns „zu gut“ geht. Das habe ich jüngst hier mal betrachtet: Wenn es einer Gesellschaft zu gut geht – Opfer, wohin man sieht)  Wie gesagt, es gibt keine einfache Antwort auf die Frage des Leids.

Ich bin ein chr. Lebensberater. Demzufolge bin ich stärker mit dem Leiden der Menschen konfrontiert, als es andere üblicherweise sind. Das bedeutet aber auch, dass mich das Leiden von Menschen sehr bewegt. Ich begleite Menschen in ihrem Leiden – sprich ich setzte mich diesem akut aus – um ihnen zu helfen, Wege daraus zu finden. (Soll einfach nur heißen, dass ich Leiden aus eigener Erfahrung und zudem noch aus der Begleitung von Leidenden gut kenne.)

Gott und Leiden:
Hier gibt es auch keine schwarz/weiß-Antwort.
Zu der Frage des durch Gott zugefügten Leids im AT im Vergleich zum NT habe ich in meinem Blogartikel über Covid19 etwas ausführlicher geschrieben. Covid 19 als Strafe Gottes?
Im NT sieht es diesbezüglich durch Jesus deutlich anders aus. Dennoch kann man hier nicht stehen bleiben.
Nehmen wir zB Hebr. 12: Heb 12:4 Bis jetzt habt ihr im Kampf mit der Sünde das Leben noch nicht eingesetzt. 5 Aber trotzdem habt ihr schon die Mahnung ganz vergessen, die zu euch als Söhnen redet: Mein Sohn, mißachte nicht die Züchtigung des Herrn und laß den Mut nicht sinken, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! 6 Denn wen der Herr liebhat, den züchtigt er, und geißelt jeden Sohn, den er zur Kindschaft annimmt.7 Stellt euch unter die Zucht und ertragt sie standhaft! Als Söhne behandelt euch Gott! Denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? …. (Albrecht NT – habe ich genommen, weil in Vers 5 im Grundtext eben genau nicht „gestraft wirst“ steht!)
Was haben wir hier? Doch einen Gott, der Leiden verursacht oder der Leid zulässt. Auf jeden Fall einen Gott, der auch mittels Leid seine Kinder erzieht. Seine Motivation ist glasklar Liebe.
So muss man festhalten, dass beileibe nicht jedes Leid, welches wir erleben, von Gott kommt. Betrachtet man es genau, wird der größte Anteil menschengemacht sein. Dennoch nutzt Gott Leiderfahrung, damit wir darin wachsen können.

Und jetzt wird es ganz verrückt: Der Mensch lernt nichts, es sei denn er leidet. Dä, und nun? Hört sich verrückt an? Nur wenn man eingleisig in Bezug auf Leid denkt.
Überwinden wir negatives Leid, so kommen wir idR erfahrener dort heraus. Wir haben daraus gelernt. Erfahren wir andererseits kein positives Leid, wie zB Neugier oder Lerneifer, werden wir nur träge vor uns her dümpeln, weil wir nichts haben, was uns zum lernen antreibt. Sprich: wir brauchen Leiderfahrung, eben die eine oder die andere, um überhaupt zu lernen. Ist also Leid zu erfahren im Fazit wirklich nur negativ? So schlimm, dass ein Gott, der uns liebt, uns davon auf jeden Fall immer befreien muss? Oder ist es nicht gerade die größere Liebe, Leid nicht immer zu vermeiden, sondern den Leidenden darin zu begleiten, damit er durch diese Erfahrung wachsen kann?

Damit keiner mit mir schimpft: Als chr. Lebensberater weiß ich nur zu gut, dass es zu viel Leiden gibt, welches durch den Lerneffekt auch nur ansatzweise positiv begründet werden könnte. Wer aber erlebt, wie tief Gott sich in das konkrete Leid solcher Menschen hinein gibt, sich damit identifiziert und nicht zuletzt in Jesus in geballter Form ans Kreuz getragen hat, wird Gott keine Vorhaltungen mehr machen, dass es Leid unter den Menschen gibt. Dessen Herz wird vielmehr immer wieder von dieser von Gott gelebten erfahrbaren Gnade überwältigt werden.

Ja, Leid gehört zu unserem Leben – auch zum Leben eines fast vollkommenen Christen (wenn es solches überhaupt geben mag.)
Es ist nicht die Frage, ob oder warum es Leid gibt. Die Frage ist, was wir damit / darin machen. Und die Frage, ob wir mit einem Gottesbild zufrieden sein wollen, was in Bezug auf Leid nur schwarz und weiß kennt.

Also, es ist nicht schwer diese Frage zu beantworten. Man muss sich lediglich an das halten, was uns die Bibel über Gott berichtet und ein klein wenig darüber nachdenken. Zudem ist dies keine Frage, die emotional aufgeladen beantwortet werden kann.
Die eigentliche Frage, die Betroffene sehr oft wirklich stellen wollen ist doch: Warum begegnet mir ein solches Leid? Wo ist hier Gott zu finden?
Antwort: Gott ist mittendrin! ER entzieht sich dem Leid nicht. Er begleitet den und teilt es mit dem Leidenden.

 

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